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Emotionale Hilfe

Von Dr. Peter A. Levine

Emotionale Erste Hilfe für traumatisierte Menschen


Geschrieben in der Nacht nach der Terrorattacke auf das World Trade Center in New York und danach an Zehntausende von Menschen versandt.

Was zu tun - und was zu unterlassen ist:

  • Betroffene sollen versuchen, mit ihren Familien und Freunden zusammenzukommen, um sich zu unterstützen bzw. um gestützt zu werden.
  • Organisiert und trefft Euch in Gruppen in der Nachbarschaft, in Gemeinschaftszentren, in religiösen Treffpunkten oder an anderen Stellen, wo Ihr nicht alleine seid mit dem Erlebten.
  • Bleibt nicht isoliert
  • Versucht, so schnell als möglich, Informationen über die Euch nahestehenden Menschen zu bekommen, verfolgt für kurze Zeit die Nachrichten am Fernsehen - und schaltet dann den Apparat auch wieder für eine gewisse Zeit ab. Beschränkt den Zugang zum Fernsehen auf maximal alle zwei Stunden, um immer wieder neueste Informationen zu bekommen. Bleibt nicht an den traumatisierenden Bildern hängen.
  • Es ist äusserst wichtig, sich schnell wieder auf wohltuende und inspirierende Dinge zu konzentrieren, die unsere Gemütslage etwas zu besänftigen helfen, uns stärken und erden. Sucht den Kontakt zu möglichen Unterstützungssystemen und verbindet Euch so mit wertvollen Ressourcen. Unternehmt etwas, das Euch hilft, die Aufmerksamkeit auf anderes zu richten - zum Beispiel einen Spielfilm anschauen, stricken, kochen, Gartenarbeit verrichten, mit Kindern oder Kleintieren spielen, in die Natur gehen usw.
  • Bleibt aktiv, verrichtet freiwillige Arbeit im Spital oder bei anderen Hilfsstellen, spendet Blut. Wenn Ihr wollt, spendet Geld. Oder bietet den Helfern von speziell eingerichteten Anrufstellen für verzweifelte Menschen Unterstützung.
  • Ermutigt die Leute, ihre Geschichten nicht ständig wieder zu erzählen - und haltet Euch auch selber daran. Das repetitive Wiedergeben des Erlebten vertieft und verstärkt das Trauma und baut es nicht ab, wie oft fälschlicherweise geglaubt wird. Unterstützt einander dabei, schon auch über die erlebte persönliche Tragödie und die ganze Katastrophe zu sprechen und zuzuhören - macht dabei aber von Anfang bis zum Schluss unbedingt Pausen. Fühlt während dieser Unterbrechungen Eure Gefühle und Empfindungen. Gebt Euren Emotionen die Möglichkeit, sich in einem rationalen Rahmen und in einer gewählten nützlichen Handlung auszudrücken. Das wird Euch helfen, Eure Gefühle zu verarbeiten, ohne dass sie Euch überwältigen und Ihr werdet nicht in ein zwanghaftes Denkvermögen hineinmanövriert.

Psychologische Reaktion:

Leute können auf vielfältige Art und Weise auf Tragödien reagieren:

  • Einige werden sich für eine gewisse Zeit in einem Schockzustand befinden, wie betäubt und dissoziert. Sie werden sich möglicherweise benommen, leer und dumpf fühlen - wie abgeschnitten vom vorhandenen Schrecken und Schmerz.
  • Kinder können extrem anhänglich werden und Albträume haben. Andere können auch agressive Verhaltensweisen zeigen. Das ist normal. Es kann ein paar Tage oder mehr dauern, aber es wird vorübergehen. Sie müssen sich ernst genommen und beschützt fühlen.
  • Leute werden möglicherweise Angst haben und in tiefer Sorge sein, sich verwirrt fühlen, Wut spüren und Hilflosigkeit erleben. Diese Gefühle sind auch normal und werden vorübergehen.
  • Andere Personen werden vielleicht auch besorgt sein, überaus wachsam ("auf der Hut") und sehr schnell reizbar. Sie müssen so bald wie möglich wieder etwas unternehmen und dabei idealerweise versuchen, sich kreativ auszudrücken - damit sie wieder ruhiger werden können. Der Kontakt zu Familienmitgliedern und Freunden kann ihnen helfen, wieder ruhiger zu werden.

Physiologische Reaktion:

Es ist ganz natürlich, eine physische Reaktion auf diesen Stress zu spüren. Lasst Euch also nicht beunruhigen. Es ist wichtig, Zeichen von "Aktivierung" anzunehmen und sich vor verschiedenen Formen von Erregung nicht zu ängstigen - zum Beispiel:

  • Das Herz schlägt schneller
  • Das Atmen macht Mühe
  • Der Blutdruck steigt an
  • Die Bauchgegend ist angespannt, im Hals bildet sich ein "Knoten"
  • Die Haut ist kalt, die Gedanken rasen

  • Diese Reaktionen werden allesamt wieder verschwinden, sofern wir sie nicht bekämpfen.
  • Einige Leute werden Schlafstörungen haben, zu viel essen wollen (Salziges und Süsses) oder sich in ein anderes Suchtverhalten begeben - zum Beispiel mit Alkohol oder anderen Drogen. Das beste Gegenmittel ist bei solchen Erscheinungen der Versuch, sich über solche und andere Impulse bewusst zu werden - und dabei zu akzeptieren, dass eine tiefe Bestürzung da ist und dass alles vorübergehen wird.
  • Alte, nicht aufgelöste Traumata können wieder aktiviert werden. Gefühle von Vertrauen und Sicherheit geraten ins Wanken. Die betroffenen Personen müssen sich an ihren Namen, ihr gegenwärtiges Alter, an das aktuelle Datum und den Ort erinnern können.
  • Die Symptome können sehr unterschiedlich sein - manchmal stabil, manchmal wechselweise kommend und wieder gehend. Sie können auch als eine Art Klumpen in gehäufter Form vorkommen.

Hilfreiche Reaktionen:

Wir können unserem Nervensystem helfen, seine Balance wieder zu erlangen - indem wir verstehen, wie es funktioniert, wenn es übermässig belastet ist. Beispiele für Ueberstimulation sind:

  • Zittern, durchgeschüttelt sein oder Schwitzen
  • Wärme im Körper
  • Gurgeln im Bauch
  • Tiefes Atmen
  • Weinen oder lachen
    All diese Körperreaktionen sind gut. Sie bedeuten, dass Energie entladen wird und sich die betreffende Person wieder in eine innere Balance hineinbewegt. Wichtig ist dabei, nur wertfrei zu beobachten, was im Körper geschieht - und zu wissen, dass der Körper die innewohnende Fähigkeit besitzt, seine Balance selbständig wieder zu erlangen. Dafür müssen wir ihn spüren lassen, was er spürt - und ihm die Zeit geben, das zu tun, was er zu tun wünscht.

    Was getan werden sollte:

    Es ist sehr wichtg "geerdet" zu sein! Wer sich desorientiert, verwirrt fühlt, die Fassung verliert und an allem zu Zweifeln beginnt, kann folgendes tun:
  • Sitzt auf einem Stuhl; fühlt den Kontakt der Füsse mit dem Boden, drückt mit den Händen auf die Oberschenkel, spürt das Gesäss auf dem Stuhl und nehmt auch den Rücken wahr, der durch die Stuhllehne gestützt ist. Schaut dann im Raum umher und wählt sechs Gegenstände aus, die Euch auffallen - die zum Beispiel alle rot oder blau sind. Das sollte Euch ermöglichen, in der Gegenwart zu sein, besser geerdet - und auch mehr im Körper. Bemerkt dabei, wie der Atem tiefer und ruhiger wird. Vielleicht verspürt Ihr in dieser Situation den Drang, nach draussen zu gehen und einen ruhigen Ort aufzusuchen, wo Ihr Euch ins Gras oder unter einen kraftvollen Baum setzen könnt. Fühlt auch dort, wie Euer Gesäss Kontakt nach unten hat - wie Ihr gehalten und gestützt werdet durch den Boden unter Euch.
  • Hier ist eine Uebung, die es Euch ermöglicht, den eigenen Körper als "Behälter" wahrzunehmen. Als ein Gefäss, das alle Eure Gefühle in sich trägt und zusammenhält. Klopft mit den Fingern Euren Körper ab. Achtet darauf, dass die Handgelenke locker sind und der Eigenkontakt bewusst und liebevoll ist. Vermutlich wird sich der Körper danach belebter, wacher, präsenter und vielleicht auch kribbelnd anfühlen. Oft ist in einem solchen Zustand die Verbindung zu den eigenen Gefühlen klarer.
  • Eine andere Uebung besteht darin, die Muskeln anzuspannen - und zwar jede Muskelgruppe nacheinander. Kreuzt die Arme über der Brust und haltet die beiden Schultern. Erhöht langsam den Druck und beginnt dann erst mit der einen und dann mit der anderen Hand, die Oberarme abzuklopfen. Macht dasselbe mit den Beinen: Spannt erst die Oberschenkel an und haltet sie von oben, erhöht den Druck und beginnt dann mit dem Abklopfen. Macht das Gleiche auch mit den Waden. Spannt danach erst den Rücken und dann die Vorderseite an. Lasst die Spannung langsam wieder los. Das kann Euch oder Euren Liebsten dabei helfen, sich ausgeglichener zu fühlen.
  • Sportliche Betätigung, Aerobics und Muskeltraining (Gewichtheben) können helfen, Depressionen zu vermeiden und sind ein gutes Ventil, um Aggressionen loszuwerden.

  • Wenn Ihr an die Kraft des Betens glaubt oder an eine höhere Instanz - betet für die Ruhe der verstorbenen Seelen, für die Heilung der Verwundeten, für den Trost der Trauernden. Betet für den Frieden, für Verständigung und Weisheit, für die Kraft des Guten - damit diese trotz allem überwiegen möge. Gebt die Hoffnung und den Glauben an das tief im Menschen vorhandene Gute niemals auf. Lasst Euch das Vertrauen in die Menschheit nicht nehmen!

    Und zum Schluss noch dies: Vergesst nicht, dass wir Menschen ausserordentliche Widerstandskräfte haben und uns immer wieder von den widerwärtigsten und entsetzlichsten Tragödien erholen konnten. Ausserdem haben wir die Fähigkeit, uns durch unsere Traumata zu transformieren, wenn wir sie heilen und uns neuen Möglichkeiten öffnen
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hand

The Foundation for Human Enrichment
A non-profit educational Institute
www.traumahealing.com